Ist dir schon einmal aufgefallen, dass einige von Jesus’ Gleichnissen ein seltsames, unschönes Ende haben?
Nehmen wir das Gleichnis vom unbarmherzigen Sklaven (Matthäus 18,23–35). Es erzählt die Geschichte eines Königs, der einem seiner Sklaven seine astronomischen Schulden erlässt. Dieses Gleichnis veranschaulicht Gottes bedingungslose Gnade, und jeder mag es.
Das heißt, bis sie am Ende ankommen.
Kurz zusammengefasst: Ein König erfährt, dass einer seiner Sklaven ihm sage und schreibe 10.000 Talente schuldet (Dafür müsste ein Tagelöhner 164.383 Jahre arbeiten). Da der Mann die Schulden nicht begleichen kann, befiehlt der König, den Sklaven und seine Familie in die Sklaverei zu verkaufen. Der Sklave wirft sich nieder, bittet um etwas mehr Zeit und verspricht, die unbezahlbare Schuld zu begleichen.
Von Mitleid bewegt, beschließt der König, die Schulden zu erlassen. Das heißt, er trägt den Verlust. Er nimmt die Schulden des Mannes auf sich und macht sie zu seinen eigenen. Es ist ein ergreifender Akt der Gnade.
Natürlich würde kein irdischer König so handeln, aber genau das hat unser barmherziger König Jesus für uns getan. Wir hatten eine Schuld, die wir nicht begleichen konnten, doch am Kreuz trug der vergebende König all unsere Sünden und tilgte alle Anklagen gegen uns.
Er tat dies, weil er uns liebt und weil er möchte, dass wir frei sind.
Zurück zur Geschichte. Man sollte meinen, der begnadigte Mann würde sich durch die Gnade des Königs grundlegend verändern. Aber nein. Der verkommene Verräter geht hinaus und würgt einen Kollegen, der ihm einen lächerlich geringen Betrag schuldet. Als der Kollege nicht zahlen kann, lässt er den Mann ins Gefängnis werfen.
Das rüde Verhalten des Mannes wird gemeldet, und er wird ein zweites Mal zum König vorgeladen. Der König wundert sich, dass der Mann anderen nicht dieselbe Barmherzigkeit entgegenbringen konnte, die ihm selbst zuteilgeworden war. Dann geschieht Folgendes:
Plötzlich ist das keine so schöne Geschichte mehr. Den Folterknechten ausliefern?! (Manche Bibeln sprechen von Peinigern.) Das ist wirklich recht sonderbar.
Will Jesus damit sagen, dass Gottes Vergebung so lange bedingungslos ist, bis sie es nicht mehr ist?
Oder die Gnade ist kostenlos, aber man muss erst beweisen, dass man ihrer würdig ist?!
Manche lesen das Gleichnis als Gesetz der bedingten Vergebung. „Gott hat dir alle eure Sünden vergeben, aber wenn du anderen nicht vergibst, wird er dir deine Sünden anrechnen.“ Anders gesagt: Wenn du Groll in deinem Herzen hegst, wird Gott dir auch nicht vergeben. Dadurch würde Gott aber selbst der Sünde schuldig, für die er dich verurteilt.
Das ist nicht das, was Jesus in dem Gleichnis sagt.
Gott ist nicht launisch. Er ändert sich nicht wie ein Schatten. Er vergibt dir nicht heute, nur um dich morgen zu quälen. Am Kreuz hat er ein für alle Mal mit unseren Sünden abgerechnet, und nichts, was wir tun, kann das jemals ändern.
In Gottes Reich gibt es keine Folterknechte oder Peiniger, aber außerhalb davon gibt es Qualen. Die Qualen des unversöhnlichen Sklaven sind selbst verschuldet; Sünde und Stolz sind ihre eigene Strafe. Seine riesige Schuld lastet auf ihm, solange er die Gnade ablehnt.
Was kann der König einem solchen Menschen sagen? Nur eines: „Du lehnst die Gnade ab? Wenn das so ist, dann bekommst du das Gesetz. Wie du gerichtet hast, so wirst du gerichtet. Mit welchem Maß du misst, wird dir zugemessen. Ab ins Gefängnis mit dir!“
Die Tragik des unversöhnlichen Sklaven liegt darin, dass er seine Verurteilung selbst verschuldet hat. Er hält lieber an seiner Schuld fest, als die Gnade des Königs anzunehmen. Er stellt das Gesetz über die Gnade, und deshalb leidet er.
So ergeht es allen, die die Gnade ablehnen. Der Selbstgerechte wird nicht von Gott gequält, sondern von seinem eigenen törichten Stolz und den drückenden Forderungen des Gesetzes.
Gott möchte uns frei machen, deshalb tilgt er unsere Sünden, erlässt uns unsere Schuld und lädt uns zu seinem Festmahl ein. Doch die Selbstgerechten weigern sich zu kommen. Sie klammern sich töricht an ihre Lasten und wundern sich dann, dass sie leiden.
Die falsche Lesart des Gleichnisses vom unbarmherzigen Knecht besteht darin, zu meinen, dass Gott dich bestrafen wird, wenn du nicht vergibst, oder Jesus Christen, die nicht ihr Bestes geben, den Peinigern ausliefert.
Die Wahrheit ist weit besser. Der begnadigende König hat dir alle deine Sünden vergeben, einschließlich deiner vielen Versäumnisse, zu vergeben.
Wenn dich eine alte Verletzung quält, die du nicht loslassen kannst, dann komm voller Zuversicht zum Thron der Gnade, um in deiner Not Hilfe zu empfangen (Hebräer 4,16). Dort findest du die Kraft zu vergeben und die Freiheit, weiterzugehen.
Im neuen Bund vergeben wir nicht, um Vergebung zu erlangen. Uns ist bereits vergeben. Und Gott trägt uns nichts nach. Und indem wir Gottes Gnade empfangen, sind wir fähig, anderen zu vergeben, so wie Jesus uns vergeben hat.
